Lasst sich durch die Kunst der Fuge die erbarmungslose Pragmatik des Geriatrieprogramms aufheben?

Aus dem Areal des ehemaligen Kaiserin-Elisabeth-Spitals war ein geriatrisches Pflegewohnhaus für 340 BewohnerInnen zu planen. Im südlichen Bereich sollten die Bestandsgebäude zu Wohnungen umgebaut werden sowie ein Neubau für 150 Wohnungen errichtet werden.


Wie können wir Erfahrungsräume „freispielen“, die beiläufig, unbemerkt und gleichzeitig geschützt aus dem Rahmen der institutionalisierten Betreuung heraustreten? Wie kann die Bandbreite des geforderten Wohnprogramms – vom Pflegewohnhaus bis zu unterschiedlichen Wohnmodellen – zu einem Mehrwert für die urbane Entwicklung des Gesamtgebiets beitragen? Die Anforderung eines zugleich offenen und geschützten Raumes trifft auch für das Wohnen im Süden zu (Lärmsituation Felberstraße). Der Rand des Bebauungsfeldes wird als Zone eines vielschichtigen Dialogs mit unterschiedlicher Durchlässigkeit aktiviert: „Hausgruppen“ lösen die Großform des Blockrandes auf und ermöglichen ein innovatives Raumkonzept.

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GRUNDRISS

TEILUNG UND POSITIONIERUNG

AKTIVIERUNG UND DIFFERENZIERUNG

BewohnerInnen, BesucherInnen und Pflegepersonal erleben das Pflegewohnhaus in völlig unterschiedlichen Maßstäben und Geschwindigkeiten. Die Architektur des Gebäudes prägt die jeweilige Wahrnehmungsebene und erweitert ihren Horizont durch unerwartete Ausblicke und Kurzschlüsse.

PROGRAMM

WINTERGARTEN

PERSPEKTIVE

Für die BewohnerInnen entwickelt sich innerhalb jeder Station eine Abfolge von Räumen, die der Sequenz vom intimen Wohnraum bis zur extrovertierten Urbanität entspricht. Der reduzierte Bewegungsradius wird als Kosmos der Langsamkeit interpretiert, in dem eben so viele unterschiedliche Situationen erlebt werden wie im urbanen Alltag. Die Loggia wird zum Garten, das Zimmer zum Haus, mit Fenster und Bank vor der Tür. Der Gang wird zum öffentlichen Raum, er ist durch die Nebenräume wie eine Straße strukturiert und wirkt durch den Wechsel von Öffnung und Schließung abwechslungsreich, ohne labyrinthisch zu sein. Unterschiedliche Oberflächen – Putz, Holz, Stoffe – differenzieren den Binnenraum der Station haptisch und gestalten ihn akkustisch.

SCHNITT

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GEMEINSCHAFT

FREIRAUM

7 Punkthäuser staffeln sich zu einer bewegten Silhouette vor der Bettina-Stiftung und setzen das städtebauliche Konzept der Einzelkörper in einem großen Park fort. Keine Barriere, sondern eine Komposition, kein Riegel sondern ein gestaffeltes plastisches Volumen vor den dominierenden Altbauten. Durch ihre unregelmäßige Anordnung entstehen Freiräume und Ausblicke in mindestens zwei Richtungen für jede Wohnung. Sie werden von „hängenden Gärten“, begrünten Brücken in den Fugen, erschlossen, die geschossweise rotieren und als eigenständiges Element Gebäude und Park verbinden. Dadurch ergeben sich auf dem Weg in die Wohnung immer wieder andere Fernblicke und Perspektiven, sie sind zusätzlich durch zwei „skywalks“ verbunden und bilden damit einen Rundweg in der Luft.

FLEXIBILITÄT

NACHHALTIGKEIT

GRUNDRISS ERDGESCHOSS

GRUNDRISS 1. OBERGESCHOSS

SCHNITT

VON INNEN

INNENHOF



Lage: Wien 1150, Österreich Projektformat: einstufiger, offener EU-weiter Realisierungswettbewerb „Neustrukturierung des Areals des Kaiserin-Elisabeth-Spitals im 15. Bezirk“ Projektstatus: abgeschlossen, 3. Preis Wohnbau / Anerkennung Pflegewohnheim Grösse: 29.400 m2 BGF: > 42.700 m2 Planungszeitraum: 2011–2011 Auftraggeber: KAV – Wiener Krankenanstaltenverbund Partner/innen: kleine metz architekten Fachplanner/innen: Capatti Staubach (Landschaftsarchitektur), Walter Wutzlhofer Techcon (Haustechnik), Axel Kordik, K2 Bauphysik (Bauphysik), Tanja Dannereder (Brandschutz), Peter Bauer, Werkraum Wien (Statik) Mitarbeiter/innen: Bernhard Eberstaller, Julian Adrian Ruera, Rafael A. Berral Zurita, Neda Afazel, Pia Spiesberger, Ernst Gruber, Arthur Poiret, Michal Sadowski