Müssen Verdichtung und das Schaffen von Freiraum im Widerspruch stehen?

Das bestehende Städtebauliche Leitbild für den Nordbahnhof Wien, aus dem Jahr 1994, sah eine flächendeckende Blockrandstruktur auf dem ehemaligen Bahnhofsareal vor. Dieses Leitbild wurde etwa zur Hälfte umgesetzt – wenn auch in aufgelöster Form. Für die verbleibenden 32 Hektar wurde auf Grund veränderter Rahmenbedingungen ein Ideenwettbewerb zur Aktualisierung des Masterplans ausgeschrieben.

AXONOMETRIE

DER RESSOURCEN-COUP Freie Mitte / Vielseitiger Rand schlägt ein räumliches Konzept vor, das auf einer Querkoppelung von Ressourcen beruht. Damit wird es Stadt und Entwicklern ermöglicht, außergewöhnliche Standards und Qualitäten umzusetzen. Die infrastrukturelle Strategie maximiert die In-Wert-Setzung des Gebiets, indem der Freiraum buchstäblich ins Zentrum rückt: die beeindruckende Offenheit des Nordbahnhofareals wird als zukünftiger Mehrwert für die umliegenden Viertel gesehen: anstatt das Areal zuzubauen, wird es als unverwechselbarer Freiraum der Stadt zurückgegeben. Im Gegenzug reduzieren sich die notwendigen Investitionen in Straßen und technische Infrastruktur auf ein Minimum.

ALREADY THERE

Während seit Stillegung des Nordbahnhofs etwa die Hälfte des Gebiets in der Zwischenzeit bereits bebaut wurde, hat sich der restliche Bereich sukzessive in einen weiträumigen Landschaftsraum verwandelt. Die Reste der ehemaligen Kohlenrutschen schaffen überraschende topografische Situationen und machen das Areal zu einem postindustriellen Central Park: Unter- und Überführungen, steinerne Gewölbe und geziegelte Stützmauern durchziehen das längst von Pflanzen eroberte Gelände. Weder die obere noch die untere Ebene dieser Topografie lässt sich direkt in die langsam näherkommende Bebauung eingliedern: im Gegenteil, versunkene Gruben und erhöhte Plateaus bieten die Möglichkeit, sich der Stadt zu entziehen. Die Weite und räumliche Vielfalt des Nordbahnhofareals fügt dem Freiraumarchipel eine weitere prägnante Freiraumqualität hinzu: an keinem anderen Ort sind die Pflanzen so wild, ist der Boden so rau, der Himmel so weit und die Stadt so weit weg.

ARCHIPEL VON FREIRÄUMEN

Das latent vorhandene Freiraumarchipel des 2. und 20. Bezirks schafft eine einzigartige Stadtlandschaft. Die Weite des Nordbahnhof-Areals fügt den vorhandenen Freiräumen eine neue, prägnante Freiraumqualität hinzu, um die sich das neue Stadtquartier entwickeln kann. Die initiiert eine innere Stadterweiterung von globaler Beispielkraft.

VERDICHTUNG AM RAND-RÄUMEN DER MITTE

Die Schaffung bzw. der Erhalt von Freiraum soll nicht im Widerspruch zur städtischen Verdichtung stehen. Die neuen Gebäudemassen verdrängen die bestehende Lücke nicht, sondern konstituieren diese neu und verstärken ihre räumliche Wirkung. Dies ist möglich, indem das erforderliche Volumen nicht gleichmäßig verteilt, sondern an den Rand der Lücke geschoben wird. Dadurch bildet sich ein dichter urbaner Rahmen rund um die Grünfläche, welche in weiten Bereichen erhalten werden kann.

WENIGER VERKEHR

Aufgrund der kompakten Bebauung am Rand kann auf zusätzliche Straßen im Inneren des Gebiets weitgehend verzichtet werden. Die Baufelder werden alle direkt vom Rand erschlossen, wo die Straßen bereits bestehen und technische Infrastrukturen großteils vorhanden sind. So können bis zu 85% an öffentlichen Straßen eingespart werden. Der Entfall hoher Investitionen in kostenintensive Verkehrsinfrastruktur soll der Ausstattung des Freiraums und der sanften Mobilität zugutekommen.

MEHR FREIRAUM

Anstelle vieler kleiner Freiräume im Inneren von Häuserblöcken, entsteht inmitten des vielseitigen Rands ein weitläufiger Landschaftsraum, an dem alle Baufelder und ihre Umgebung partizipieren. Das Konzept der Freien Mitte ist aber nicht nur ein räumliches Modell, sondern auch ein ökonomisches. Die Ersparnis an Infrastrukturkosten kann in die Umsetzung der Freien Mitte investiert werden: die Ressourcen werden zugunsten eines stadträumlichen, sozialen und ökologischen Mehrwerts umgeschichtet.

GRÜNRAUMVERNETZUNG

Die Freie Mitte fügt sich nicht nur als weitere grüne Insel in den Freiraumarchipel des 2. Bezirks ein, sondern bildet auch ein wesentliches Bindeglied im Freiraumnetz der Stadt. Als charakteristischer Freiraum, mit einer naturnahen Gestaltung und belebt durch soziokulturelle Aktivitäten, gliedert sie sich in den Archipel spezifischer Freirauminseln in der Umgebung ein. Es entsteht ein Weg im Grünen vom Donaukanal über den Augarten und die zukünftige Grüne Mitte am Nordwestbahnhof durch die Freie Mitte zum Holubsteg und an das Ufer der Donau. So wird der Freiraumarchipel im Alltag als grüner Weg durch die Stadt erlebbar.


KOMPAKTHEIT

Die Konzentration der Bebauung entlang des Randes provoziert eine städtische Dichte, die im bewussten Gegensatz zur Weite der Freien Mitte steht. Diese Dichte ist möglich, da die Bebauung immer am Freiraum liegt: jedes einzelne Baufeld hat einen direkten Bezug zum Freiraum. Die Dichte ist unterschiedlich verteilt und passt sich dem jeweiligen Kontext und der Anbindung an den öffentlichen Verkehr an.

EINBETTUNG

Die Bebauung orientiert sich an der Höhe des gegenüberliegenden Bestands als Leithöhe. Die Tiefe der Baufelder erlaubt eine kontextuelle Differenzierung: nach außen, zur Stadt, passt sich die Bebauung an die Traufkante an. Nach innen, zur Freien Mitte hin, setzt die Silhouette Akzente. Hier stehen die Hochhäuser: sie wenden sich dem Freiraum zu und schauen über die Bahntrasse hinweg in die Ferne.

POROSITÄT

Die Bebauung des Randes ist durchlässig und bietet zahlreiche Durchblicke und Zugänge zur Freien Mitte. An den wichtigsten Straßenzügen führen großzügige Platzsituationen, die sogenannten „Schwellenplätze“, zum zentralen Freiraum. Darüber hinaus ist die Freie Mitte durch ein feingliedriges Netz von Durchhäusern, Gebäudefugen und Passagen mit dem Straßenraum verbunden. Diese kapillaren Verbindungen sind unerlässliche Bestandteile der Bebauungstypologie. Über ihre Durch- und Einblicke ist die Freie Mitte in der Stadt präsent und von allen Seiten zugänglich.

BEBAUUNGSPRINZIPIEN

Art und Charakter der Durchlässigkeit sind in den jeweiligen Bebauungsprinzipien der Baufelder angelegt: der Katalog räumlicher Beziehungen wird jeweils anders angewandt und kombiniert.

KÖRNUNG

Die unterschiedlichen Körnungen der Bebauung bieten ein breites Angebot, insbesondere für das Wohnen, von gefördertem bzw. leistbarem Wohnen über spezielle Wohnformen (z.B. Baugruppen) bis zu Wohnungen im oberen Marktsegment (Ausblick, Lage an der Freien Mitte), und ermöglichen in allen Bereichen eine hohe Durchmischung. Die große Bandbreite der Körnung entspricht der Gunst der unterschiedlichen Lagen und impliziert unterschiedliche Atmosphären und Logiken der Entwicklung. Damit kann das Gebiet eine besonders große Vielfalt an durchwegs attraktiven Wohntypologien anbieten.

HÖHENSTAFFELUNG

Der kompakte Rand wird durch eine starke Differenzierung der Gebäudehöhen aufgelockert. Hochhäuser bzw. Hochpunkte setzen markante urbane Akzente. Diagonal versetzte Hochpunkte ermöglichen in Kombination mit niedrigeren Bauteilen trotz der hohen Dichte einen maximalen Lichteinfall.

DACHFLÄCHEN

Die Dachflächen sind integrativer Bestandteil des Freiraums. Dabei unterstützt die Höhenstaffelung eine Aktivierung der Dächer je nach Höhe, Orientierung und Exponiertheit: begrünte Gemeinschaftsterrassen stellen ein zusätzliches Freiraumangebot dar, während ökologisch bespielte Dachflächen Raum für Sickerkörper, Filteranlagen oder Solarpaneele bieten.

HOCHHAUS-ENSEMBLE

Die Hochhäuser stehen immer direkt an der Freien Mitte und sind von der Straße abgerückt. Niedrigere Sockelgebäude rahmen attraktive Vorplätze. Gemeinsam bilden die 8 Hochhäuser ein Ensemble, das die Freie Mitte rahmt und als „Familie“ erkennbar ist. Alle Hochhäuser kragen signifikant zur Freien Mitte hin aus. Sie streifen dadurch ihre selbstreferentielle Gedrungenheit ab und inszenieren eine kollektive städtebauliche Geste, indem sie sich als Ensemble von Figuren gemeinsam der Freien Mitte zuwenden.

GELUNGENE LANDUNG

Jedes Hochhaus wird von einer niedrigeren Bebauung begleitet und dadurch in den Maßstab der bestehenden Stadt eingebettet. Die Konzentration von Dichte im Hochhaus minimiert den Anteil der Erdgeschoßzone gegenüber den darüber liegenden Geschoßen. Damit kann ein höherer Druck auf die Aktivierung der Erdgeschoßzone ausgeübt werden. Jedes Hochhaus muss dieses erhöhte Potenzial durch die Belebung des urbanen Sockels umsetzen und mit seiner Erdgeschoßnutzung Akzente für die Belebung des Quartiers setzen. So gelingt den Hochhäusern die Landung am Boden der Stadt.

EINBETTUNG IN STADTSILHOUETTE

Die Hochhäuser treten in den Panoramablicken von Kahlenberg, Donauturm und Riesenrad als attraktive Silhouette in Erscheinung. Darüber hinaus sind sie so positioniert, dass sie in den Straßenfluchten sichtbar sind, ohne diese zu verstellen.

DIE HOCHHÄUSER AN DER TABORSTAßE VON DER FREIEN MITTE AUS

HÖHENENTWICKLUNG UND DICHTE IM BEBBAUNGSSZENARIO

DIE 5 QUARTIERE

Entlang der rahmenden Straßenzüge entwickeln sich fünf jeweils spezifische „Quartiere“. Sie reagieren auf ihr doppeltes Gegenüber – die andere Straßenseite bzw. die Freie Mitte – mit ihren charakteristischen Bebauungstypologien und Freiraumsituationen: Sie loten das Potenzial der konkreten Situation aus, generieren spezifische Atmosphären und schaffen damit unverwechselbare Adressen an der Freien Mitte und den Straßenzügen.

FOTOMONTAGE

AKTIVES ERDGESCHOSS

Die Aktivierung der Erdgeschoßzone ist von zentraler Bedeutung. Ihr wird durch ein umfassendes, auf mehreren Ebenen wirksames Maßnahmenpaket besondere Aufmerksamkeit gewidmet. So erhöht die Durchlässigkeit der Quartiere das Aneignungspotenzial für urbane Nutzungen, also Handel und Dienstleistungen, soziale und kulturelle Infrastruktur sowie aktive Wohnfolgeeinrichtungen. Durch die Bebauungsstruktur entstehen exponierte Situationen, die zu einer einladenden Ausgestaltung anregen. Intensive Erdgeschoßnutzungen (wie etwa Supermärkte) werden an den wichtigsten Kreuzungspunkten gebündelt, eine kleinteilige kommerzielle Nutzung an der Bruno-Marek-Allee und der Taborstraße wird durch die Bebauungsstruktur unterstützt. Überall an den Straßenzügen ist eine Aktivierung der EG-Zone durch flexible Grundrisse und entsprechende Raumhöhen möglich.

BAUFELDÜBERGREIFENDE KOORDINATION

Ein Erdgeschoß-Management soll die Besiedelung und Nutzungsverteilung der Erdgeschoßzone zusammenhängend betreuen. Damit soll eine über die statistischen Kennwerte der Marktanalysen weit hinausgehende, aktive Verwertungsstrategie ins Leben gerufen werden: anstatt Nachfragen statistisch zu ermitteln, wird ein breites Spektrum an Nachfragen generiert, indem Potenzialfelder wie Mobilität, soziale Nachhaltigkeit, Integration von Religionsgemeinschaften, Freiraummanagement und Start-up-Dynamiken kreativ ausgelotet werden.

STRASSENRÄUME

Die Straßenzüge, die das Projektgebiet rahmen und queren, haben eine jeweils spezifische Qualität, die sich aus der Bebauungsstruktur, dem Straßenquerschnitt, den Nutzungen und dem Freiraumbezug ergibt. Die folgenden Lagepläne und Querschnitte samt Kotierung stellen Ausgestaltungsvorschläge dar, die im Zuge von Straßendetailprojekten zu konkretisieren sind.

MOBILITÄT

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FREIRAUM STATT VERKEHR

Indem die Bebauung an die bestehende Infrastruktur andockt, können 85% der Verkehrsinfrastruktur eingespart werden. Eine Einsparung von 85% im Vergleich zu einem konventionellen Erschließungskonzept bedeutet, dass nur circa ein Siebtel der normalerweise üblichen Straßenfläche nötig ist. Das ergänzende Fuß- und Radwegenetz ist in die Freie Mitte integriert.

KOSTENSPIELRAUM

Die Intensität der Ausgestaltung und der Pflegeanforderungen des Freiraums ist abgestuft. Der Großteil der Freien Mitte bleibt naturnah und kann ohne hohe Investitionen für die Nutzung erschlossen werden. Nur die stark frequentierten Bereiche werden intensiv gestaltet. So kann die Freie Mitte trotz der großen Fläche kostengünstig hergestellt werden.


BESTANDSTOPOGRAFIE

Die Topografie bleibt soweit wie möglich erhalten; die Neumodellierungen beschränken sich auf die notwendigen Eingriffe der Stadtentwicklung und Infrastruktur. So wird im Bereich der neuen Querungen der Schnellbahntrasse der Bahndamm abgetragen und das Gelände anmodelliert werden müssen. Wichtig hierbei ist, dass die Modellierung einen visuellen Einblick in das Gelände auf Straßenniveau und einen Längsbezug in Nordwest-Südost-Richtung ermöglicht.

BEREICHE

Die Freite Mitte gliedert sich in vier unterschiedliche Bereiche. Die Gestaltung richtet sich nach Lage, Dimension, Topografie, Vegetation und Nutzung dieser Felder. Die bestehende Stadtwildnis an der Vorgartenstraße wird eingefasst und bleibt weitgehend sich selbst überlassen. Im zentralen Bereich der Freien Mitte wird der Bestand durch gezielte punktuelle Eingriffe nutzbar gemacht. In den schmäleren Bereichen entlang der Bahntrasse sind größere Eingriffe in die Topografie notwendig; darum sind diese Bereiche auch intensiver gestaltet. Alle vier Bereiche erhalten durch die unterschiedlichen Nutzungen, den Umgang mit der Vegetation und die markante Topografie eine jeweils ganz eigene Atmosphäre.


PUNKTE – AKTIVITÄTEN AN DEN KREUZUNGEN

An den Kreuzungspunkten der Wege siedeln sich Aktivitäten an, die die bestehenden Gebäude und Situationen nutzen, um die Freie Mitte zu beleben und zu einem aktiven sozialen und kulturellen Element des Stadtteils zu machen.

„KONFETTI“

Das stabile Angebot von Aktivitäten in der Freien Mitte (siehe „Punkte“) wird ergänzt durch freistehendes Mobiliar: Spielgeräte, Tische, Sitzmöbel und Liegen sind wie Konfetti über die gesamte Freie Mitte verstreut. Sie liegen an den Wegen, aber auch an entlegenen Stellen, wo man zufällig oder als KennerIn auf sie stößt. Die „Spielplätze“ sind leger ins Grün gestreute Möblierungen. Sie stehen unterschiedlichen Generationen zur Verfügung und implizieren eine entspannte Spielart von „Fitness“, die das Erleben des Parks in das Vergnügen im Grünen mit einbezieht. Mobile Kioske bieten ein leichtfüßiges gastronomisches Service, beweglich für variable Positionierungen, tag- und nachtaktiv.

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RÄNDER

Die Ränder der Freien Mitte sind je nach benachbartem Quartier unterschiedlich ausgebildet: Die Gebäude treffen an jenen Stellen direkt auf den zentralen Freiraum, an denen es Erdgeschoßnutzung und Topografie erlauben. Dort, wo die quartiersbezogenen Freiräume aufgrund ihrer Konfiguration eine Abgrenzung benötigen, wird diese durch sanfte Maßnahmen erzielt, wie etwa leichte Höhenunterschiede oder filternde Bepflanzungen (Bäume, Versickerungsgärten, Hochbeete). Stets soll es den BewohnerInnen der jeweiligen Quartiere möglich sein, direkt in die Freie Mitte zu gelangen. Auf die Errichtung von Zäunen oder Mauern ist zu verzichten.

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Lage: ehemaliger Nordbahnhof, 1020 Wien, Österreich Projektformat: zweistufiger, offener, anonymer, EU-weiter städtebaulicher Ideenwettbewerb für das Entwicklungsgebiet des ehem. Nordbahnhofs Projektstatus: in Umsetzung Grösse: 300.000 m2 BGF: > 500.000 m2 Planungszeitraum: 2011–2025 Auftraggeber: Stadt Wien & ÖBB Infrastruktur AG Fachplanner/innen: Agence Ter (Landschaftsarchitektur), TRAFFIX (Verkehrsplanung) Mitarbeiter/innen: Lina Streeruwitz (Projektpartner), Julia Wieger, Ruth Esquembre, Julian Ruera, Nikolas Rach, Daniel Niens, Peter Pernell, Bernhard Eberstaller