Kann die außerordentliche Ambition einer Bauträgerin den geförderten Wohnbau tatsächlich aus dem Korsett der neoliberalen Logik herausheben?

Das Projekt liegt im Entwicklungs­bereich des Wiener Hauptbahnhofs. Es beherbergt in Summe 450 Wohnungen mit mehr als 3.000 m² Gemeinschafts­einrichtungen, von Kinderbetreuungs­räumen über Kino, Bibliothek, Kletter­garten bis zu einem ca. 1.000 m² großen Wellnesszentrum. Der “Läufer”, ein 3-dimensionales Wegenetz, verbindet die Wohnungen mit sämtlichen Einrichtungen, die gemein­sam mit der attraktiven, teilweise gebäudeintegrierten Landschaft das eigentliche “Wohnzimmer” des Quartiers bilden. Der stark ausgeprägte Variantenreichtum der Wohnungen adressiert eine Vielzahl an Nutzer­wünschen und reicht von Smart-Appartments (3-Zimmer mit 55 m²) über Single-Lofts und Familienmaisonetten bis zu 360 m² großen Wohn­gemein­schaften.


DRAUSSEN IM WOHNZIMMER: Insgesamt 427 geförderte Wohnungen erlauben die Errichtung von 2.000 m² Gemeinschaftsflächen. Gemeinsam bilden sie das kollektive Wohnzimmer, das etwas weniger privat, aber dafür viel großzügiger sein darf: die Kino­lein­wand des gemeinsamen Kinoraums ist der bessere Fernseher der vertikale Spielplatz das bessere Kinderzimmer, das Schwimmbad die bessere Badewanne, die Bücherei das bessere Bücherregal!

STÄDTEBAULICHE KONFIGURATION

Die Idee des bestehenden Masterplan wird „extrapoliert“, die Spannung bzw. Differenz zwischen Rand und Innenraum herausgearbeitet. Umspannt wird eine nach Süden hin offene Landschaft, in der drei verschieden ausgerichtete Häuser wie Möbel abgestellt sind. Das offene Baugefüge definiert eine städtebauliche Abfolge von Räumen mit einem zentralen Bereich, an dem sich das Angebot an öffentlichen und siedlungsorientierten Einrichtungen verdichtet (Theater, Markt, Bibliothek, Schwimmbad). Markante Öffnungen in unterschiedlicher Ausbildung, Größe und Höhenlage gliedern den Rahmen, bieten Ein-, Durch- und Ausblicke und ermöglichen eine mehrfache Durchwegung des Grundstücks.

STÄDTEBAULICHE KONFIGURATION

Durch die Öffnung nach Süden wachsen die drei Blöcke zu einem Stadtquartier zusammen.

DURCHWEGUNG IM GEBIET

Die Anordnung der Punkte und die Gliederung des Blockrandes zieht die wichtigen Durchwegungsachsen über das Baufeld weiter.

DRAUSSEN IM WOHNZIMMER

Das Wohn_Zimmer erweitert atmosphärisch, räumlich und programmatisch die einzelnen Wohnungen. Sein Angebot lädt zum Hinauswohnen aus den eigenen vier Wänden ein. Tätigkeiten, die unterschiedlichen Raum in Anspruch nehmen – lesen, Film schauen, Körper pflegen, festlich kochen, grillen, braten usw. finden im Wohn_Zimmer neue Orte. Ihre Atmosphäre vermittelt „Familiarität“ im wortwörtlichen Sinne von Vertrautheit zugänglichen Stellen ein. Es spielt die Wohnungen frei und integriert dort auch andere Formen des Gebrauchs

LÄUFER MIT BRÜCKEN UND GEMEINSCHAFTSRÄUME

Das Wohn_Zimmer nistet sich an unterschiedlichen, der Gemeinschaft gewohnt wird in Räumen und nicht mehr in funktional determinierten Zimmern. Jede Wohnung kann so groß werden, wie man sie gerade haben möchte: ob der Luxus eines 1.000 m² großen Bads mit Wellnesscenter oder die Annehmlichkeiten des Lesens in einer ruhigen Bibliothek, ob der XL-Screen des Kinos für den Filmabend mit Gästen oder die über drei Geschoße reichende „Spielhöhle“ für die Kleinen – das neue Wohn_Zimmer integriert all jene Wünsche und Ansprüche, die sich in den eigenen vier Wänden sehr schwer oder gar nicht entfalten können. Großzügiges, ja sogar luxuriöses Wohnen wird möglich, ohne die schlanke Ökonomie der privaten Einheiten aufzugeben. Im Gegenteil: die private Wohnung wird Teil eines Gefüges, von dem sie sich jederzeit abkoppeln, in das hinein sie sich aber ebenso erweitern kann. Hier darf sich jeder die Gelegenheit leisten, über seine vier Wände großzügigst hinauszuwohnen.

ERDGESCHOSS

Zwischen Punkten und Blockrand entwickelt sich ein vielfältiger Binnenraum mit Bereichen des Aufenthalts und der Durchwegung.

OBERGESCHOSS

Die differenzierte Bebauung bricht den Blockrand auf und schafft höchste Wohnvielfalt im Regelgeschoß.

DER LÄUFER

Die Gemeinschaftsräume des Wohnzimmers liegen im Erdgeschoß und auf der Ebene des 3. Obergeschoßes. Sie sind auf dem Boden und in der Luft durch den „Läufer“ verbunden, ein dreidimensionales Wegenetz, das die Bauteile zur Stadt in der Stadt macht.

DIE STRASSENSEITE

Bauteil A (StudioVlayStreeruwitz) gliedert sich durch Zäsuren, Wohnzimmer-Screens und Erkerfelder in drei „Häuser“. Sonnenlicht fällt in den nördlichen und westlichen Straßenraum. An den Zäsuren lagern sich die Gemeinschaftsräume des „Wohnzimmers“ an, die auf ihren großen Glasflächen (Screens) die Bespielung des Wohnzimmers nach außen abbilden. Großflächige Erkerfelder strukturieren die Länge der Fassade und schaffen zusätzlichen Wohnraum.

DREI WOHNGEGENDEN

3 Zäsuren gliedern den L-förmigen Baukörper in 3 spezifische Wohngegenden mit jeweils signifikanten Qualitäten. Die Wohngegend im Westen (Haus I) wird durch einen barrierefreien Split-Level Wohntypus charakterisiert, der die BewohnerInnen eine Raumhöhe von 3,70 Meter erleben lässt. Die Wohngegend des Hauses II zeichnet sich durch „schlanken und beweglicher Luxus“ aus: eine speziell entwickelte Mini-Einheit erlaubt unterschiedliche Kombinationsmöglichkeiten für heutige Lebensmodelle – z.B. betreubares Wohnen, Patchwork-Family, Gästewohnung und Wohnen der Generationen. Haus III bietet schließlich das „Haus im Haus“: hier kann man die nicht-motorisierte Vorfahrt vor die Haustür ebenso genießen wie die Sonnenstrahlen der Südsonne, die den Wohnraum bis in den Norden durchfluten.

5. OBERGESCHOSS

Jedes der drei Häuser zeichnet sich durch eine charakteristische Struktur aus.

WOHNUNGSTYPEN HAUS 1

Großfamilienwohnung mit 7 Zimmern, Mini-Loft mit Raumhöhe, 4-Zimmer-Klassiker

WOHNUNGSTYPEN HAUS 2

Wohngemeinschaft über zwei Geschoße

WOHNUNGSTYPEN HAUS 2

4-Zimmer-Klassiker, 2 Zimmer plus Nordatelier, 3-Zimmer-Wohnung mit 55 m2.

WOHNUNGSTYPEN HAUS 3

Südmaisonette mit 3 Zimmern, 5-Zimmer-Haus am Dach

LÄNGSSCHNITT HAUS 2 UND 3

QUERSCHNITTE

DAS BALKONGERÜST

Zum Hof hin fasst ein durchlaufendes Balkongerüst die drei Häuser wieder zusammen und schafft einen ruhigen Hintergrund für die Punkthäuser. Die unterschiedlichen Typologien und Wohnformen drücken sich im wechselnden Rhythmus des Gerüsts aus. Vorgefertigte Plfanztröge laden die BewohnerInnen zur Begrünung der Struktur ein.

VERTIKALER SPIELRAUM

Warum soll die Geschoßhöhe des Wohnbaus das Spielen der Kinder begrenzen?

VERTIKALER SPIELRAUM

Eine bekletterbare Felswand aus Beton und eine wild gewordene Rutschle bilden zusammen eine vertikale Spiellandschaft, die labyrinthische, abenteuerliche und schwindelerregende Räume für Kinder im Alter von 6–10 Jahren bietet.

DIE FELSWAND

Nischen und Konsolen für die Rutsche im Rohbau

DIE WILD GEWORDENE RUTSCHE

IN DER RUTSCHE

IN AKTION

Grosses Kino / Grosses Entrée

Am Eck öffnet sich ein großzügiges Entrée, von dem alle Stiegenhäuser erschlossen werden. Als einladende und repräsentative Geste richtet es sich an alle BewohnerInnen des Wohnzimmers. Hier sitzt auch der Concierge, der die Anlage mit ihren Gemeinschaftseinrichtungen betreut. Der Raum des Entrées reicht bis ins 5. Obergeschoß und wird durch die Box des Kinoraums geprägt, die klar erkennbar über dem Eingangsbereich steht und zum Besuch einlädt.

DAS GROSSE ENTRÉE / MODELLSTUDIE

DAS GROSSE ENTRÉE IM BAU

DAS GROSSE ENTREE BRIEFKÄSTEN UND SITZBANK

ENTRÉE STIEGENAUFGANG ZUM KINO UND FENSTER ZUM CONCIERGE

ENTRÉE KINO-BOX AUS DEM 2. OBERGESCHOSS

ENTLANG DER SONNWENDGASSE

ENTLANG DER SONNWENDGASSE

ECKE ALFRED-ADLER-STRASSE / SONNWENDGASSE

BLICK VON DER ALFRED-ADLER-STRASSE

IM INNENHOF

HAUS 3 VOM INNENHOF

HAUS 3 VOM INNENHOF

DER LÄUFER

DER LÄUFER
Der sogenannte „Läufer“ fungiert als zentrales Verbindungselement, das die verteilten „Stationen“ des Wohn_Zimmers im Innen- und Außenbereich verknüpft. Im Erdgeschoß legt er sich als verbindender Teppich zwischen die Bauteile und signalisiert mit dem Muster sandgestrahlteR Kreise den Zusammenhalt der Anlage. Im 3. Obergeschoß schließen die Brücken dieses Netz der Verbindungen und schaffen eine zusätzliche Ebene des Austausches zwischen den Häusern.

MAISONETTE ZUM HOF

DACHGESCHOSSWOHNUNG

MASIONETTE HAUS 3

MINI-LOFT HAUS 1

MAISONETTE HAUS 3

IN DER WOHNGEMEINSCHAFT

DACHGESCHOSSWOHNUNG

MAISONETTE HAUS 3

MAISONETTE HAUS 3

IM INNENHOF (links Bauteil C, Klaus Kada)



Lage: Wien 1100, Österreich Projektformat: Bauträgerwettbewerb Sonnwendviertel, Bauplatz C.01, ausgelobt von Wohnfonds Wien Projektstatus: gebaut Grösse: 13.724 m2 BGF: > 50.770 m2 Planungszeitraum: 2009–2014 Auftraggeber: win4win Bauträger GmbH Partner/innen: Klaus Kada (Bauteil C), Riepl Kaufmann Bammer (Bauteil B) Fachplanner/innen: Rajek Barosch Landschaftsarchitektur, Mischek ZT (Statik, Bauphysik, Haustechnik), puk Architekten (Ausführungsplanung) Mitarbeiter/innen: Neda Afazel, Pia Spiesberger, Ernst Gruber, Daniel Ehrl, Ricado Garcia Navia