Boden wird Stadt!

Der Ort der heutigen Gleishalle am Hauptbahnhof Stuttgart wird zum Feld städtischer Entwicklung. An die Stelle der Abreise tritt ein Ort des Ankommens, der Begegnung und des Verweilens. Als Schlüsselbaustein für das zukünftige Rosensteinquartier bildet er den städtebaulichen Auftakt, an dem Reisende und hier Lebende aufeinandertreffen. Der alte Bahnhof wird dabei sowohl als materielle wie auch als erzählerische Ressource verstanden, auf der aufgebaut werden kann. Mit dem Großprojekt Stuttgart 21 rückt zunehmend auch der Boden selbst in den Fokus. Er wird freigelegt, sichtbar gemacht und letztlich möglichst schnell wieder verdrängt. Die Frage bleibt: Wohin gelangt all das Aushubmaterial? Was geschieht mit dem sogenannten “Abraum”? Unsere Antwort: Boden wird Stadt!

Zeichnung: Altelier Le Balto

Der Boden wächst über sich hinaus: das von der topografischen Umschichtung übrig gebliebene Bodenmaterial wird zum Ausgangsstoff der baulichen Entwicklung. Als kontrapunktisches Gegenüber zum Bonatzbau formiert sich eine kleinteilige, durchlässige Struktur, ein Städtchen, das an eine Kasbah erinnert. In den Zwischenräumen lagern sich unterschiedliche “Grünvolumina” ein, wodurch ein komplementäres Wechselspiel zwischen gebautem Boden und gebauter, aus dem Boden wachsender Landschaft entsteht.

Der Boden wird zum Schauplatz

Dynamische Schichtung des Bodens

Die dynamische Schichtung des Bodens bringt verschiedene Materialien zum Vorschein: bautechnisch schwierige Materialien wie Anhydrit, aber auch wertvolle Ressourcen zur Weiterverarbeitung.

Einsparpotenzial: Sonderbaustein A3 als Pilotprojekt

Schürfen, Schichten und Umschichten

Skizzen: Atelier Le Balto

Vermittelnde Plateaus

Die vorgesehene Fuge entlang des Bahnhofsdachs wird als sich aufweitender Übergangsraum neu gedacht. Die Stadt landet sanft an den geöffneten Fenstern in den Bahnhof, wo Stuttgarter:innen und Reisende sogleich aufeinander neugierig werden. Die unterschiedlich großen Plateaus ermöglichen verschiedene Begegnungs- und Bespielungsmöglichkeiten, wobei eine umlaufende, barrierearme Zugänglichkeit städtebaulich wesentlich ist.

Skizzen: Atelier Le Balto

Sanfte Höheneinbettung

Das abgetragene Bodenmaterial wird zum Ausgangsstoff der baulichen Entwicklung

Ein Entwicklungsszenario in 4 Stufen

Ein Entwicklungsszenario in 4 Stufen

Dialog zwischen Landschaft und Charakter
Der Prozess des Wachsens ist von Beginn an ein Dialog zwischen Landschaft und baulichen Strukturen. In einem ersten Schritt soll die Errichtung von vier “Charakteren” die atmosphärische und programmatische Besonderheit des Ortes unterstreichen: öffentlich zugängliche witterungsgeschützte Nischen auf offenen, verbindenden Landschaftsplateaus etablieren einen inklusiven, klimasensiblen Ort des Aufenthalts für Mensch und Tier. Zusätzlich stellen die Gartenwerkstatt und ein kleiner Versorgungspavillon (Café mit Veranstaltungsmöglichkeit) eine Basisinfrastruktur bereit, die auch die nächsten Entwicklungsschritte unterstützen kann.

Ein Entwicklungsszenario in 4 Stufen

Programmatische Verankerung im Rumpfbereich
Ein zentraler Programmpunkt aus jeder Programmwolke verankert die drei Bereiche: für die Zukunft, für die Stadt und für die Reise. Die spezifische Konfiguration im Rumpfbereich erzeugt Konzentration der Baukörper und Nutzungen, welche die räumliche Dichte der fertigen Gesamtstruktur vorwegnimmt. Über die Innen-Außen Beziehung der Baukörper werden die Plateaus zunehmend programmatisch wirksam, während die Baumdächer und -haine in die Höhe wachsen und an räumlicher Präsenz gewinnen.
Die Klimazentrale macht den Boden nicht nur zum zentralen Akteur in der Reduktion grauer Energie, sondern aktiviert ihn gleichsam für die Versorgung mit Heiz- und Kühlenergie im laufenden Betrieb. In ihrer charaktervollen Verräumlichung bringt sie die didaktische Kapazität des Gesamtprojektes auf den Punkt.

Ein Entwicklungsszenario in 4 Stufen

Verdichtung an den Rändern
Die Verdichtung an den Rändern lässt die inneren Bereiche von großen Bauarbeiten unberührt. Das Wachsen des Bodens zur Stadtstruktur geht Hand in Hand mit der programmatischen Intensivierung. Die einzelnen Nutzungsmilieus wachsen in Anzahl und Größe weiter, es entstehen neue Volumina bzw. werden bestehende Volumina erweitert, aus- oder umgebaut. Stadt und Freiraum verschränken sich immer weiter, wodurch die räumliche Vielfältigkeit der Kasbah-Oase zunimmt.

Ein Entwicklungsszenario in 4 Stufen

Alles an Material ist verbaut!
In dieser Stufe wird das restliche Aushubmaterial verarbeitet: die Bausteine wachsen zu ihrer vollen Größe, das zentrale Innovationszentrum für Nachhaltigkeit setzt sich an den prominenten Auftakt zur Athener Straße.
Weitere Prozesse der Entwicklung und des Wachsens können innerhalb dieser räumlichen Konstellation stattfinden. Insbesondere die “Ausbauvolumina” bieten die Voraussetzung räumlich neu gedacht zu werden, während die offenen “Plattformen” unterschiedliche Formen der Bespielung ermöglichen.
Insgesamt wird die Programmierung der Kasbah-Oase als kuratierter Prozess der Aneignung verstanden, bei dem sich die Nutzungen stets in Relation zu den räumlichen Charakteristika entwickeln bzw. weiterschreiben.

Ein Entwicklungsszenario in 4 Stufen

Zeichnung: Altelier Le Balto

Ein Entwicklungsszenario in 4 Stufen

Die vermittelnden Plateaus des Sonderbausteins reflektieren die Einbettung Stuttgarts in ihre Weinberge. Bau-Masse und Baum-Masse wachsen parallel aus dem Boden hervor.

Zeichnung: Altelier Le Balto

Ein Entwicklungsszenario in 4 Stufen

Ankunft vom Verteilersteg B: Das schattenspendende Baumdach am Entrée lädt ebenso ein wie das Flanieren zwischen der geöffneten Arkaden zum Tiefbahnhof und den Schaufenstern in Stuttgarts Innovationskraft.

Zeichnung: Altelier Le Balto

Ein Entwicklungsszenario in 4 Stufen

Blick vom Manfred-Rommel-Platz auf das Geschehen am neuen Sonderbaustein, der das Bewegungsband entlang der Athenerstraße in sich aufnimmt und bis an den Bahnhof führt.

Zeichnung: Altelier Le Balto

A-P-C

Nutzungsoffen, aber nicht neutral!
In die Volumina sind drei Raummodelle eingeschrieben, die zu unterschiedlichen Formen der Aneignung einladen: drei starke Typen spannen ein reizvolles Spektrum an Programmierbarkeit auf, das von der verführerischen Kraft der kleinen „Charaktere“ über die herausfordernde Offenheit der „Ausbauvolumina“ bis zur flächigen Variabilität der „Plattformen“ reicht – eine Symbiose aus Charakterstärke und Nutzungsoffenheit, die sich auf das Besondere freuen darf.

Querschnitt

Längsschnitt

Erdgeschoßgrundriss

Nutzungslabor

Die Kasbah-Oase ist ein Genius Loci der Programmierung: eher als in ein Gebäude ziehen die Nutzungen in einen besonderen Ort ein, der den Ideen aus dem vorgeschalteten Wettbewerb und der Bürger:innenbeteiligung einen unwiderstehlichen Entwicklungshorizont gibt. Aufgehoben in drei sich überlagernden Programmwolken – “Stadt,” “Reise” und “Zukunft” – (er)finden sich die Nutzungen in der Kasbah-Oase neu, eignen sich unterschiedliche Räume an: eine Nische, einen Platz, ein Geschoss, manchmal ein ganzes oder sogar mehrere Häuser zugleich.

Modellfoto



Lage: Stuttgart, Deutschland Projektformat: Entwicklung eines Nutzungskonzepts auf Basis des Internationalen Ideenwettbewerbs 2024; Kooperatives Werkstattverfahren Projektstatus: abgeschlossen, 1.Preis (geteilt mit haascookzemmrich Studio 2050) Planungszeitraum: 2025 Projektdauer: 4 Monate Auftraggeber: LHS Stuttgart Partner/innen: Atelier Le Balto Mitarbeiter/innen: Philipp Kitzberger, Martin Wild